Ein traumatisches Ereignis ist ein nicht alltägliches Ereignis. Es ist ein Schock, eine schwerwiegende, seelische Verletzung, die durch ein katastrophales Ereignis ausgelöst wird.
Typische traumatische Ereignisse können sein: schwerer Verkehrsunfall, Überfall, Vergewaltigung, körperliche oder sexuelle Gewalt, Naturkatastrophen (Erdbeben, Tsunami, o.ä.), technische Katastrophen (Zugunglück, o.ä.), Kriege, belastende Krankenhausaufenthalte/ Operationen, oder aber wenn man Zeuge eines der o.g. Ereignisse ist
Betroffene eines traumatischen Ereignisses erleben Momente extremer Panik und Angst, meistens verbunden mit starkem körperlichen Stress, Gefühlen von Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Es ist ein Schock.
Viele Betroffene berichten davon, dass es während der traumatischen Situation Momente gab, in denen sie nicht wussten ob sie es überleben bzw. unbeschadet überstehen würden. Momente extremer Hilflosigkeit und Kontrollverlust bestimmen daher das Erleben während eines Traumas.
Der Körper stellt außerdem eine Menge Energie bereit, die während eines Traumas in der Situation aber gebunden bleibt und nicht "verarbeitet"wird. Nicht vom Gehirn und auch nicht vom Körper. Man bleibt also in einer Art Starre. Oft möchte der Betroffene auch nicht wahrhaben, dass ihm das passiert ist und leugnet es so vor sich selbst und vor Anderen. Das ist dann eine von vielen Strategien, die automatisch aufgebaut werden. Die Auswirkungen hängen außerdem vom Alter ab, indem wir traumatisiert wurden. Ein einmaliges Ereignis hat andere Auswirkungen, als z.B. jahrelanger Missbrauch.
Gegenwärtig wird in der Wissenschaft das was über unsere fünf Sinne (sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken) hereinkommt als 'Information' bezeichnet. Diese Information wird im Gehirn an verschiedenen Stellen weiterverarbeitet, d.h. bewertet, zu einem 'Gesamtbild zusammengesetzt' und mit bereits vorhandenen Informationen verglichen.
Bei einem traumatischen Ereignis wird das Gehirn mit Stresshormonen überflutet und das Zusammenspiel verschiedener Regionen im Gehirn wird extrem gestört und verändert.
Die Amygdala (Mandelkern) steuert Gefühle, Alarmbereitschaft und Furcht. Bei einem traumatischen Erlebnis wird sie überaktiv und speichert alles unsortiert als „heißes“ Gefühlsgedächtnis ab samt Ängsten, Bildern und Körperreaktionen.
Die Region im Gehirn, die unsere Erlebnisse zeitlich und räumlich einsortiert (der Hippocampus) wird durch den Stress blockiert. Er kann das Trauma nicht mehr logisch mit der realen Gegenwart abgleichen.
Logisches Denken, Kontrolle und Entscheidungen fallen einem extrem schwer, nach einem Trauma. Der präfrontale Cortex hat seine Aktivität vermindert.
Die drei häufigsten Symptome, die auftauchen sind:
1. Bilder (oder andere Sinneseindrücke, wie z.B. Gerüche, Geräusche..) aus dem traumatischen Erleben, die plötzlich auftauchen.
2. Hoher körperlicher und emotionaler Stress (innere Unruhe), jedes Mal, wenn ein Trigger auftaucht.
3.Vermeidung. Kann nach innen, in Form von Verdrängung geschehen, nach außen in Form von Vermeidung von Orten, Personen, Situationen oder allgemein von allem, was an das Trauma erinnert.
Die Hauptsymptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind demnach: Sich aufdrängende Bilder, starker körperlicher und gefühlsmäßiger Stress (innere Unruhe, Hyperaraousal) und Vermeidung.
Dauern diese Symptome unbehandelt länger als 6 Monate an, können verschiedene weitere psychische Störungen auftreten. Die häufigsten, zusammen mit einer PTBS auftretenden Probleme, sind Depressionen (z.B. Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, erhöhte Ermüdbarkeit, schon bei alltäglichen Tätigkeiten, ständiges Grübeln, Schlafstörungen, Gefühle von Wertlosigkeit...), Ängste (z.B. alleine rausgehen, nicht mehr im Dunkeln rausgehen, vor vielen Menschen in einem Kaufhaus...), Somatisierungsstörungen (z.B. Schmerzen, ohne dass es eine körperliche Ursache dafür gibt, Probleme mit der Haut oder im Magen-Darm-Trakt...), Süchte (z.B. abends Alkohol trinken um einschlafen zu können, Beruhigungsmittel nehmen (z.B. Tavor)...) und Dissoziative Störungen (z.B. Seh,- Geh- oder Hörstörungen ohne neurologischen Befund, das Gefühl so wie neben sich zu stehen und sich wie von außen zu beobachten). Bleibt die PTBS lange unbehandelt, können diese zusätzlichen Probleme auch chronisch werden, d.h., man hat dann vielleicht zwei Probleme: eine PTBS und eine Suchtstörung (wenn z.B. abends immer mehr Alkohol notwendig ist um einschlafen zu können).
Oder Zwänge, um evtl. Sicherheit herzustellen und das Gefühl von Kontrolle.
Bei ca. 1/3 aller Betroffenen verschwinden die typischen PTBS-Symptome von alleine nach ungefähr 4 Wochen, bei 1/3 dauern die Symptome auch noch nach 4 Wochen unvermindert an. Diese entwickeln dann das, was wir eine PTBS nennen.
Und ca. 1/3 aller Betroffenen entwickeln keine Symptome nach einem Trauma.
Die Wahrscheinlichkeit an einer PTBS zu erkranken ist jedoch auch abhängig von der Art, der Dauer und der erlebten Intensität des Traumas.
So zeigen verschiedene Studien, dass nach sexuellem Missbrauch jeder zweite Betroffene (d.h. ca. 50%) eine PTBS entwickelt.
Vereinfacht kann man sagen, dass je früher ein Trauma im Leben beginnt, je länger die traumatische Situation andauert und je schwerer ein Trauma ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit eine PTBS oder eine andere psychische Störungen zu entwickeln.
Ein fortgesetzter sexueller Missbrauch in der Kindheit durch einen Täter, mit zusätzlicher körperlicher Gewalt, führt demnach eher zu psychischen Problemen, als z.B. ein einmaliger Überfall, den man als Erwachsener erlebt.
Man unterscheidet in der Forschung Risikofaktoren und Schutzfaktoren. So erhöht z.B. das Erleben sexueller Gewalt das Risiko für eine PTBS. Ein stabiles soziales Netzwerk, d.h. eine fürsorgliche, schützende Familie oder unterstützende Freunde stellen einen Schutzfaktor dar, verringert also das Auftreten einer PTBS. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Risiko- und Schutzfaktoren. Bei Menschen die kaum Symptome nach einem Trauma entwickeln kann es also sein, das die Schutzfaktoren ein so gutes Gegengewicht darstellen, das die Symptome von alleine wieder weggehen.
Bei einer einer traumafokussierten Therapie, so wie wir sie verstehen, steht die Veränderung und Verarbeitung der traumatischen Erinnerungen im Fokus der Therapie.
Es soll das verändert werden, was den Kern der PTBS ausmacht. Sie ist also eine konfrontative Therapie.
Bei einer nicht traumazentrierten Psychotherapie steht dieses direkte Beschäftigen mit den Traumainhalten häufig nicht im Mittelpunkt, sondern es wird an anderen Themen und an den Symptomen gearbeitet. Diese Themen drehen sich oft um Alltagsbewältigung, familiäre Probleme oder berufliche Schwierigkeiten. Diese Therpie wirkt höchstens stabilisierend aber nicht verarbeitend.
Bei einer Traumatherapie suche ich nach der Wurzel des Übels und behandel nicht nur die Symptome. Erst nach einer erfolgreichen Verarbeitung können die Symptome verschwinden.
Eine Traumatherapie beinhaltet verschiedene Phasen, die nacheinander durchlaufen werden. Im wesentlichen sind dies 4 Phasen:
Liegt eine PTBS vor? Gibt es noch anderer traumatische Ereignisse? Gibt es andere psychische Störungen? Wie sieht das berufliche und familiäre Umfeld aus? Gibt es zusätzliche Stressfaktoren? Welchen lebensgeschichtlichen Hintergrund gibt es?
Hier geht es einige Stunden lang um das Einüben von einfachen Achtsamkeits- , Vorstellungs- oder Entspannungsübugen, um im Alltag ein wenig mehr Kontrolle über die typischen PTBS Symptome zu bekommen. 'Klassische' Übungen sind z.B. der 'sichere Ort' oder die 'Tresorübung'.
Hier geht es dann um die konkrete Bearbeitung des Traumas. Wir abeiten mit einer Kombination aus verschiedenen wissenschaftlich anerkannten traumaverarbeitenden Methoden. Für jedes einzelne traumatische Ereignis werden ca. 2 Stunden eingeplant. In einem ersten Schritt erzählt eine betroffene Person im Detail wie das Trauma abgelaufen ist (narrative Exposition). Ich als Therapeut schreibe mir dabei alles mit und frage auch sehr genau nach, um so gut wie möglich nachvollziehen zu können, was genau geschehen ist und was die schlimmsten Momente für Sie als Betroffene/r sind.
Dieses Vorgehen hat sich aus zwei Gründen bewährt. Zum einen, weiß ich aus Erfahrung, das Menschen, die z.B. körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, im Laufe der Zeit lernen etwas darüber zu erzählen. Bei diesen Erzählungen werden aber oft die wirklich belastenden Momente weggelassen. Aber gerade an diesen Momenten 'hängt' der meiste Stress. Durch das Aussprechen genau dieser Momente, in einer sicheren therapeutischen Situation und mit dem Wissen, das ich als Therapeut nicht nur verstehen will was passiert ist, sondern das Berichtete auch aushalten kann, erleben die Betroffenen manchmal zum ersten Mal, dass mit Hilfe viel mehr aussprechbar ist, als bisher angenommen. Zum anderen frage ich sehr genau nach, um die Momente mit dem größten Stress, die sgn. 'Hot spots', herauszuarbeiten. Ist der allerschlimmste Moment herausgearbeitet, geht es mit dem nächsten Schritt der Traumaverarbeitung, dem EMDR weiter.
Niemand weiß genau, warum dieses Vorgehen hilfreich ist. Man weiß aber aus vielen Studien, das es hilft. Aus den vorhandenen Erklärungsansätzen finde ich drei besonders hilfreich:
1. Betroffene haben beim Wiederinnern die Wahl mal mehr Innen, beim Film, oder mehr außen zu sein. Das bedeutet ein Stück Wahlfreiheit und das ist das Gegenteil von Hilflosigkeit und Ausgeliefert sein.
2. Studien legen nahe, das durch das bestimmte Vorgehen, etwas wie eine Entspannungsreaktion ausgelöst wird und die kann die Anspannung beim Erinnern abmildern.
3. Durch das strukturierte Vorgehen wird ein Teil der Aufmerksamkeit der Betroffenen in der Gegenwart, im Hier-und-Jetzt gehalten. Dies kann dabei helfen, das Betroffene die traumatische Erinnerung neu bewerten können. z.B. dass sie an dem Geschehen keine Schuld tragen. Da das Wiedererinnern in einer sicheren therapeutischen Situation stattfindet mit jemandem der einem beim Erinnern begleitet, können Betroffene die Erfahrung machen, das es tatsächlich 'nur' noch eine Erinnerung ist und nicht mehr die 'Realität'. Das wird von vielen Betroffenen als sehr entlastend empfunden.
In dieser Phase der Therapie geht es vor allem darum noch vorhandene andere psychische Probleme zu bearbeiten und den Übergang in ein Leben zu gestalten, das nicht mehr vorherrschend durch das Trauma geprägt ist bzw. sein soll. Dazu gehört z.B. auch die Frage welches Selbstverständnis Traumageschädigte in Zukunft entwickeln wollen. Wenn ich die Erinnerung an das Trauma erfolglreich verändert habe, möchte ich mich dann immer noch als 'traumatisiert' bezeichen und wenn nicht, als was dann? Es geht hierbei vor allem um die Frage welches Konzept von Gesundheit bzw. 'Normalität' Betroffene für sich realisieren wollen. Gerade bei in der Kindheit traumatiserten Menschen ist 'traumatisert zu sein' oft Teil des Selbstkonzepts geworden. Die Frage ist: Soll das auch in Zukunft so bleiben und wenn nicht, welches 'gesündere' Selbstkonzept möchte ich stattdessen?
Ja, und zwar die o.g. Stabilisierungsübungen. Eine sehr einfache Achtsamkeitsübung ist z.B. die sgn. '5-4-3-2-1-Übung'. Wenn im Alltag traumatische Erinnerungen auftauchen kann man von diesen wegkommen, wenn man anfängt die Aufmerksamkeit ins Hier-und-Jetzt zu lenken und 5 Dinge aufzuzählen, die man gerade jetzt sieht, danach 5 Dinge die man hört, danach 5 Dinge die man spürt. Hat man eine Runde Sehen-Hören-Spüren beendet, beginnt man wieder von vorn mit 4 Dingen die man sieht, dann 4 die man hört und so weiter. In der nächsten Runde sind es noch 3 Dinge, dann noch 2 und zum Schluss noch 1 Ding.
Die Übung dauert ca. 3 min. und kann die Traumaerinnerung erfolgreich unterbrechen helfen.
In der Traumatherapie gibt es aber noch viele weitere "Tipps"
Hier finden Sie Antworten auf Fragen rund um das Thema Trauma und Traumatherapie